„Carrie“: Erste Kritiken feiern Flanagans Stephen-King-Serie – mit Abstrichen
Die ersten Kritiken zu Mike Flanagans „Carrie“ sind da: viel Lob für Summer H. Howell und Samantha Sloyan, Zweifel am Schrecken. Alle acht Folgen starten am 7. Oktober bei Prime Video.
Die ersten Kritiken zu „Carrie” sind da, und sie fallen überwiegend stark aus – mit einem Vorbehalt, der sich durch fast alle Texte zieht. Gelobt werden vor allem Hauptdarstellerin Summer H. Howell und Samantha Sloyan als Mutter Margaret, gestritten wird darüber, ob Mike Flanagans Erweiterung von Stephen Kings schmalem Debütroman auf acht Folgen dem Stoff wirklich gut tut. Die Sperrfrist für die Besprechungen ist am 1. Oktober gefallen, alle acht Folgen erscheinen am 7. Oktober 2026 bei Prime Video.
Flanagan selbst denkt bereits über die erste Staffel hinaus. In einem Interview sagte der Showrunner, in seinem „Traumszenario” umfasse die Serie drei Staffeln: „Ich glaube, Carrie hat einen wunderbaren Bogen in drei Schritten. Eigentlich ist es eine Trilogie.” Bestellt ist bislang nur die erste Staffel, die Prime Video als Miniserie führt. Die Serie ist die erste Serienfassung von Kings Roman; Flanagan, der mit The Haunting of Hill House, Midnight Mass und „Doctor Sleeps Erwachen” zu den profiliertesten Horror-Erzählern des Streaming-Zeitalters gehört, hat sämtliche Drehbücher geschrieben.
Was die ersten Kritiken sagen
Am deutlichsten begeistert ist TheWrap: Flanagan verwandle Kings Albtraum „brillant” in eine Teenager-Horrorserie, das Experiment, Carrie White in die Gegenwart zu holen, sei ein „durchschlagender Erfolg”. Hervorgehoben werden Howell, die mühelos zwischen Freundlichkeit, Wut, Angst und Macht wechsle, und Sloyan, die nach Ansicht der Kritik die beste Leistung ihrer Karriere zeigt. Auch Empire spricht von einem „bemerkenswerten Triumph”: Howell sei keine verkrampfte, verängstigte Carrie wie einst Sissy Spacek, sondern ein aufgewecktes, neugieriges Mädchen, das gerade durch seine Freundlichkeit zur Außenseiterin werde.
Zurückhaltender urteilt The Hollywood Reporter. Flanagan erweitere den Klassiker kompetent, die Frage sei aber, ob ausgerechnet dieser Roman eine Erweiterung brauche. Die Serie sei die Carrie-Fassung, die das Jahr 2026 verdiene – aktuell, gut gespielt, aber weniger eigenständig und „weit weniger beängstigend”, als sie sein sollte. Der Abschlussball, auf den alles zuläuft, entfalte nicht die Wucht, die er haben müsste. Diesen Punkt teilt sogar Empire: An Brian De Palmas Ballszene von 1976 komme die Serie zwangsläufig nicht heran.
Einig sind sich die Kritiken darin, wie stark Flanagan die Vorlage umbaut. Amoklauf-Übungen, Metalldetektoren am Schuleingang und Handykameras, die jede Demütigung festhalten, prägen die neue Carrie. Mehrere Besprechungen weisen zudem darauf hin, dass das Ende viele Fragen offenlässt – Empire spricht von einem Nebenstrang, der nach Vorbereitung auf eine zweite Staffel rieche. Das passt zu Flanagans Trilogie-Plänen, macht das Finale aber auch zum Punkt, an dem sich das Publikum am ehesten spalten dürfte.
Was Flanagan mit einer Carrie-Trilogie meint
Wie die Staffeln zwei und drei aussehen sollen, verrät Flanagan nicht. Bemerkenswert ist die Ansage trotzdem, denn Kings Roman ist eine abgeschlossene Geschichte, die mit einer einzigen Nacht endet. Eine Fortsetzung müsste deutlich über die Vorlage hinausgehen. Im Kino ist das schon einmal versucht worden: „Carrie 2 – Die Rache” erzählte 1999 von Carries jüngerer Halbschwester Rachel Lang und gilt bis heute als einer der schwächeren King-Ableger.
Dass Flanagan sich solche Pläne leisten kann, liegt auch am Vertrauen des Autors. Nach eigener Schilderung hatte er zunächst selbst Zweifel, ob es nach De Palmas Film und dem Remake von 2013 eine weitere Carrie-Verfilmung brauche, und musste King erst mit seinem Konzept überzeugen, wie er TheWrap erzählte. King ist inzwischen als Executive Producer an Bord und hat die fertige Serie öffentlich gelobt. Ob es tatsächlich zu einer zweiten Staffel kommt, entscheidet Prime Video nach dem Start – eine Verlängerung gibt es bislang nicht.
Der Trailer verlegt Kings Stoff ins Social-Media-Zeitalter
Der Trailer zeigt eine Carrie White, deren Demütigung nicht mehr in der Turnhalle endet. Die Serie erzählt von einem viralen Mobbing-Skandal, der die ganze Schulgemeinde erfasst – Handykameras, Kommentarspalten, Screenshots. Das Blut kommt später, und wenn es kommt, hat es einen digitalen Vorlauf. Am Ende steht wie immer die eine Nacht, auf die alles zuläuft.
Die offizielle Inhaltsangabe beschreibt eine Außenseiterin, die ihr Leben abgeschirmt hinter den Wänden ihres Elternhauses verbracht hat, bewacht von ihrer fanatisch beschützenden Mutter Margaret. Erst der plötzliche Tod des Vaters zwingt sie an eine öffentliche Highschool – und dort erwachen parallel zur Pubertät ihre telekinetischen Kräfte.
Prime Video formuliert die Leitfrage der Serie selbst ungewöhnlich offen: Ob hier die Entstehung einer Heldin, eines Monsters oder von etwas deutlich Komplizierterem zu beobachten sei. Das ist mehr als Marketing-Sprache – es beschreibt genau die Lücke, die De Palmas Fassung offenließ, weil ihr schlicht die Zeit fehlte.
Stephen King nennt Flanagans Fassung brillant
Zwei Tage nach der Trailer-Premiere hat sich Stephen King selbst zu Wort gemeldet – und das ist bei ihm keine Formsache: Der Autor geht mit Verfilmungen seiner Bücher seit jeher offen ins Gericht. Über Flanagans Serie schreibt er auf Threads, sie sei brillant – und hebt ausgerechnet den Punkt hervor, der die Neufassung von der Vorlage trennt. Was sie über soziale Medien zu sagen habe, sei schockierend und wahr.
Ein unabhängiges Urteil ist das nicht. King ist an der Serie als Executive Producer beteiligt und arbeitet seit Jahren eng mit Flanagan zusammen, der schon mehrere seiner Stoffe verfilmt hat. Aufschlussreich ist der Satz trotzdem, weil er den Kern der Neuinterpretation bestätigt: Die Cybermobbing-Ebene ist kein Beiwerk, sondern der Hebel, mit dem Flanagan einen Roman von 1974 in die Gegenwart holt. In der Vorlage endet Carries Demütigung in einem geschlossenen Raum und vor einer begrenzten Zahl von Zeugen – verlegt man sie ins Netz, hat sie kein Ende mehr.
Bemerkenswerter ist die Reaktion aus der Familie. Kings Sohn Joe Hill, selbst ein gefeierter Horrorautor, schilderte, er habe den Trailer gesehen, gedacht, wie gut er aussehe – und plötzlich gegen die Tränen ankämpfen müssen. Das sei ihm bei einer Vorschau noch nie passiert. Für einen Stoff, der die Familie seit über fünfzig Jahren begleitet, ist das ein ungewöhnlich persönlicher Kommentar.
Newcomerin in der Titelrolle, vertraute Gesichter drumherum
Carrie White spielt Summer H. Howell, eine Newcomerin, die sich laut Deadline in einem Casting gegen über 1.000 Bewerberinnen durchsetzte. An ihrer Seite steht Samantha Sloyan als Mutter Margaret – eine Besetzung, die niemanden überrascht, der Flanagans Arbeiten kennt: Sloyan gehört seit Jahren zu seinem festen Ensemble. Matthew Lillard spielt Schuldirektor Grayle, Amber Midthunder die Sportlehrerin Miss Desjardin.
Dazu kommen Siena Agudong als Sue Snell, Alison Thornton als Chris Hargensen, Joel Oulette als Tommy Ross, Josie Totah als Tina, Arthur Conti als Billy und Thalia Dudek als Emaline. Als wiederkehrende Gaststars sind unter anderem Kate Siegel, Rahul Kohli, Heather Graham, Michael Trucco, Crystal Balint und Tim Bagley dabei – auch hier überwiegend Namen aus Flanagans Stammbesetzung.
Flanagan hat sämtliche Drehbücher geschrieben und bei vier Folgen selbst Regie geführt: den Episoden 1, 2, 7 und 8. Die übrigen vier inszenierten Kate Siegel, Axelle Carolyn, Kyra Sedgwick und Hiromi Kamata. Stephen King ist als Executive Producer beteiligt, produziert wird von den Amazon MGM Studios.
Warum acht Folgen den Unterschied machen könnten
Kings Roman von 1974 erzählt seine Geschichte nicht linear, sondern über Zeugenaussagen, Gutachten und Zeitungsartikel, die den Abend von Chamberlain im Nachhinein rekonstruieren. Genau diese Ebene ist in beiden Kinofassungen weggefallen – für einen Spielfilm ist sie schlicht zu sperrig. Eine achtteilige Serie hat dafür Platz, und schon die Auftaktfolge greift sie auf: Sie beginnt mit Nachrichtenbildern und Notrufprotokollen aus dem brennenden Chamberlain, bevor die Handlung ein Jahr zurückspringt.
Interessant ist außerdem, wie deutlich Flanagan die Nebenfiguren aufwertet. Sue Snell und Chris Hargensen sind im Roman die beiden Pole, zwischen denen sich Carries Schicksal entscheidet; im Film von 1976 bleiben beide Skizzen. Empire hat die Handschrift des Trailers als jugendaffiner beschrieben als die früheren Verfilmungen – eine Einordnung, die Flanagans Arbeit an The Midnight Club durchaus stützt.
Ein weiteres Detail zum Zeitpunkt: De Palmas Verfilmung wird in diesem Jahr fünfzig. Dass Prime Video die Serie ausgerechnet jetzt bringt, dürfte kein Zufall sein. Ob die längere Form dem Stoff tatsächlich neue Seiten abgewinnt, kannst du ab dem 7. Oktober selbst prüfen – dann stehen alle acht Folgen gleichzeitig bereit.
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