Zweite Staffel bestellt: Prime Video verlängert Mike Flanagans „Carrie“
Prime Video verlängert Mike Flanagans Stephen-King-Serie „Carrie“ um eine zweite Staffel. Sie soll weit über den Abschlussball hinausgehen – Flanagan plant insgesamt drei Staffeln.
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Prime Video hat „Carrie” um eine zweite Staffel verlängert. Zwei Wochen nach dem Start der ersten acht Folgen am 7. Oktober bestellt der Streamer weitere Episoden von Mike Flanagans Stephen-King-Serie – und die sollen ausdrücklich über den Roman hinausgehen. Einen Starttermin für die neue Staffel gibt es noch nicht.
Für Flanagan ist das der zweite Schritt eines größeren Plans. Schon vor dem Start hatte der Showrunner gesagt, er sehe in Carrie „eigentlich eine Trilogie” und wünsche sich drei Staffeln. Mit der Verlängerung ist er diesem Ziel ein gutes Stück näher gekommen.
Prime Video verlängert – „weit über den Abschlussball hinaus”
Begründet wird die Verlängerung mit dem Publikum. Die Serie erreiche langjährige King-Fans ebenso wie eine neue Generation, darunter junge Erwachsene und ein internationales Publikum, besonders stark bei Zuschauerinnen, erklärte Peter Friedlander, Leiter des weltweiten Seriengeschäfts der Amazon MGM Studios. Man sei gespannt, wohin Flanagan und King die Geschichte führen. Laut Deadline stand Carrie seit dem Start an der Spitze der wöchentlichen weltweiten Serienrangliste von Prime Video und war in mehr als 105 Ländern auf Platz 1; in den USA kam die Serie in ihrer ersten vollen Woche auf 3,6 Millionen Abrufe.
Flanagan selbst knüpft an sein Trilogie-Versprechen an: „Von Anfang an haben wir uns eine Geschichte vorgestellt, die weit über den Abschlussball hinausgeht”, sagte er. Er sei dankbar für Kings Vertrauen. Der Autor, der die Serie als Executive Producer begleitet, legte nach: Er könne es kaum erwarten, dass das Publikum sieht, was noch auf Carrie White zukommt – „es wird garantiert spannend”.
Alle acht Folgen der ersten Staffel stehen bei Prime Video im Abo bereit.
Wo Staffel 2 ansetzt – Achtung, Spoiler
Wer die erste Staffel noch nicht gesehen hat, sollte hier aufhören zu lesen. Flanagan weicht im Finale deutlich von Kings Roman ab: Die Ballnacht findet statt, doch Carrie White überlebt sie. Am Ende ist sie mit Emaline unterwegs, die ebenfalls telekinetisch begabt ist und Verbindungen zu einem größeren Netzwerk von Menschen mit übersinnlichen Kräften hat. An dessen Spitze steht eine rätselhafte Hellseherin, gespielt von Flanagans Stammschauspielerin Kate Siegel.
Damit endet die erste Staffel mit einem offenen Faden, den die Fortsetzung nun aufnehmen kann – ohne Kings Vorlage als Wegweiser. Wer neben Summer H. Howell in der Titelrolle zurückkehrt, ist noch nicht bestätigt, ebenso wenig, wann die Dreharbeiten beginnen.
Was die ersten Kritiken sagten
Die Kritiken zum Start fielen überwiegend stark aus – mit einem Vorbehalt, der sich durch fast alle Texte zog. Gelobt wurden vor allem Hauptdarstellerin Summer H. Howell und Samantha Sloyan als Mutter Margaret, gestritten wurde darüber, ob Mike Flanagans Erweiterung von Stephen Kings schmalem Debütroman auf acht Folgen dem Stoff wirklich gut tut. Die Serie ist die erste Serienfassung von Kings Roman; Flanagan, der mit The Haunting of Hill House, Midnight Mass und „Doctor Sleeps Erwachen” zu den profiliertesten Horror-Erzählern des Streaming-Zeitalters gehört, hat sämtliche Drehbücher geschrieben.
Am deutlichsten begeistert war TheWrap: Flanagan verwandle Kings Albtraum „brillant” in eine Teenager-Horrorserie, das Experiment, Carrie White in die Gegenwart zu holen, sei ein „durchschlagender Erfolg”. Hervorgehoben wurden Howell, die mühelos zwischen Freundlichkeit, Wut, Angst und Macht wechsle, und Sloyan, die nach Ansicht der Kritik die beste Leistung ihrer Karriere zeigt. Auch Empire sprach von einem „bemerkenswerten Triumph”: Howell sei keine verkrampfte, verängstigte Carrie wie einst Sissy Spacek, sondern ein aufgewecktes, neugieriges Mädchen, das gerade durch seine Freundlichkeit zur Außenseiterin werde.
Zurückhaltender urteilte The Hollywood Reporter. Flanagan erweitere den Klassiker kompetent, die Frage sei aber, ob ausgerechnet dieser Roman eine Erweiterung brauche. Die Serie sei die Carrie-Fassung, die das Jahr 2026 verdiene – aktuell, gut gespielt, aber weniger eigenständig und „weit weniger beängstigend”, als sie sein sollte. Der Abschlussball, auf den alles zuläuft, entfalte nicht die Wucht, die er haben müsste. Diesen Punkt teilte sogar Empire: An Brian De Palmas Ballszene von 1976 komme die Serie zwangsläufig nicht heran.
Einig waren sich die Kritiken darin, wie stark Flanagan die Vorlage umbaut. Amoklauf-Übungen, Metalldetektoren am Schuleingang und Handykameras, die jede Demütigung festhalten, prägen die neue Carrie. Mehrere Besprechungen wiesen zudem darauf hin, dass das Ende viele Fragen offenlässt – Empire sprach von einem Nebenstrang, der nach Vorbereitung auf eine zweite Staffel rieche. Mit der Verlängerung ist klar, dass dieser Faden weitergesponnen wird.
Was Flanagan mit einer Carrie-Trilogie meint
Wie die Staffeln zwei und drei im Detail aussehen sollen, verrät Flanagan nicht. Bemerkenswert ist der Plan trotzdem, denn Kings Roman ist eine abgeschlossene Geschichte, die mit einer einzigen Nacht endet. Eine Fortsetzung muss deutlich über die Vorlage hinausgehen. Im Kino ist das schon einmal versucht worden: „Carrie 2 – Die Rache” erzählte 1999 von Carries jüngerer Halbschwester Rachel Lang und gilt bis heute als einer der schwächeren King-Ableger.
Dass Flanagan sich solche Pläne leisten kann, liegt auch am Vertrauen des Autors. Nach eigener Schilderung hatte er zunächst selbst Zweifel, ob es nach De Palmas Film und dem Remake von 2013 eine weitere Carrie-Verfilmung brauche, und musste King erst mit seinem Konzept überzeugen, wie er TheWrap erzählte. King ist inzwischen als Executive Producer an Bord und hat die Serie öffentlich gelobt – und trägt nun auch die Fortsetzung mit.
Der Trailer verlegt Kings Stoff ins Social-Media-Zeitalter
Der Trailer zeigt eine Carrie White, deren Demütigung nicht mehr in der Turnhalle endet. Die Serie erzählt von einem viralen Mobbing-Skandal, der die ganze Schulgemeinde erfasst – Handykameras, Kommentarspalten, Screenshots. Das Blut kommt später, und wenn es kommt, hat es einen digitalen Vorlauf. Am Ende steht wie immer die eine Nacht, auf die alles zuläuft.
Die offizielle Inhaltsangabe beschreibt eine Außenseiterin, die ihr Leben abgeschirmt hinter den Wänden ihres Elternhauses verbracht hat, bewacht von ihrer fanatisch beschützenden Mutter Margaret. Erst der plötzliche Tod des Vaters zwingt sie an eine öffentliche Highschool – und dort erwachen parallel zur Pubertät ihre telekinetischen Kräfte.
Prime Video formuliert die Leitfrage der Serie selbst ungewöhnlich offen: Ob hier die Entstehung einer Heldin, eines Monsters oder von etwas deutlich Komplizierterem zu beobachten sei. Das ist mehr als Marketing-Sprache – es beschreibt genau die Lücke, die De Palmas Fassung offenließ, weil ihr schlicht die Zeit fehlte.
Stephen King nennt Flanagans Fassung brillant
Zwei Tage nach der Trailer-Premiere hatte sich Stephen King selbst zu Wort gemeldet – und das ist bei ihm keine Formsache: Der Autor geht mit Verfilmungen seiner Bücher seit jeher offen ins Gericht. Über Flanagans Serie schrieb er auf Threads, sie sei brillant – und hob ausgerechnet den Punkt hervor, der die Neufassung von der Vorlage trennt. Was sie über soziale Medien zu sagen habe, sei schockierend und wahr.
Ein unabhängiges Urteil ist das nicht. King ist an der Serie als Executive Producer beteiligt und arbeitet seit Jahren eng mit Flanagan zusammen, der schon mehrere seiner Stoffe verfilmt hat. Aufschlussreich ist der Satz trotzdem, weil er den Kern der Neuinterpretation bestätigt: Die Cybermobbing-Ebene ist kein Beiwerk, sondern der Hebel, mit dem Flanagan einen Roman von 1974 in die Gegenwart holt. In der Vorlage endet Carries Demütigung in einem geschlossenen Raum und vor einer begrenzten Zahl von Zeugen – verlegt man sie ins Netz, hat sie kein Ende mehr.
Bemerkenswerter war die Reaktion aus der Familie. Kings Sohn Joe Hill, selbst ein gefeierter Horrorautor, schilderte, er habe den Trailer gesehen, gedacht, wie gut er aussehe – und plötzlich gegen die Tränen ankämpfen müssen. Das sei ihm bei einer Vorschau noch nie passiert. Für einen Stoff, der die Familie seit über fünfzig Jahren begleitet, ist das ein ungewöhnlich persönlicher Kommentar.
Newcomerin in der Titelrolle, vertraute Gesichter drumherum
Carrie White spielt Summer H. Howell, eine Newcomerin, die sich laut Deadline in einem Casting gegen über 1.000 Bewerberinnen durchsetzte. An ihrer Seite steht Samantha Sloyan als Mutter Margaret – eine Besetzung, die niemanden überrascht, der Flanagans Arbeiten kennt: Sloyan gehört seit Jahren zu seinem festen Ensemble. Matthew Lillard spielt Schuldirektor Grayle, Amber Midthunder die Sportlehrerin Miss Desjardin.
Dazu kommen Siena Agudong als Sue Snell, Alison Thornton als Chris Hargensen, Joel Oulette als Tommy Ross, Josie Totah als Tina, Arthur Conti als Billy und Thalia Dudek als Emaline. Als wiederkehrende Gaststars sind unter anderem Kate Siegel, Rahul Kohli, Heather Graham, Michael Trucco, Crystal Balint und Tim Bagley dabei – auch hier überwiegend Namen aus Flanagans Stammbesetzung.
Flanagan hat sämtliche Drehbücher geschrieben und bei vier Folgen selbst Regie geführt: den Episoden 1, 2, 7 und 8. Die übrigen vier inszenierten Kate Siegel, Axelle Carolyn, Kyra Sedgwick und Hiromi Kamata. Stephen King ist als Executive Producer beteiligt, produziert wird von den Amazon MGM Studios.
Warum acht Folgen den Unterschied machen
Kings Roman von 1974 erzählt seine Geschichte nicht linear, sondern über Zeugenaussagen, Gutachten und Zeitungsartikel, die den Abend von Chamberlain im Nachhinein rekonstruieren. Genau diese Ebene ist in beiden Kinofassungen weggefallen – für einen Spielfilm ist sie schlicht zu sperrig. Eine achtteilige Serie hat dafür Platz, und schon die Auftaktfolge greift sie auf: Sie beginnt mit Nachrichtenbildern und Notrufprotokollen aus dem brennenden Chamberlain, bevor die Handlung ein Jahr zurückspringt.
Interessant ist außerdem, wie deutlich Flanagan die Nebenfiguren aufwertet. Sue Snell und Chris Hargensen sind im Roman die beiden Pole, zwischen denen sich Carries Schicksal entscheidet; im Film von 1976 bleiben beide Skizzen. Empire hat die Handschrift des Trailers als jugendaffiner beschrieben als die früheren Verfilmungen – eine Einordnung, die Flanagans Arbeit an The Midnight Club durchaus stützt.
Ein weiteres Detail zum Zeitpunkt: De Palmas Verfilmung wird in diesem Jahr fünfzig. Dass Prime Video die Serie ausgerechnet jetzt gebracht hat, dürfte kein Zufall sein – und dass die zweite Staffel schon zwei Wochen nach dem Start feststeht, zeigt, wie gut die Rechnung aufgegangen ist.
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Chefredakteur und Gründer von scifiscene.
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