Wonder Man abgesetzt: Neue Zahlen widersprechen Marvels Begründung

Wonder Man abgesetzt: Neue Zahlen widersprechen Marvels Begründung Disney
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Marvel begründete das Aus mit den Abrufzahlen, ohne eine Zahl zu nennen. Eine neue Auswertung liefert sie nachträglich: 52 Prozent des Publikums blieben bis zum Staffelende — mehr, als die Branche als Erfolg wertet.

Seit Juli ist die Disney+-Serie Wonder Man Geschichte – gestrichen, obwohl Marvel zuvor eine zweite Staffel bestellt hatte. Hauptdarsteller Yahya Abdul-Mateen II sagte damals, ihm sei „etwas mit den Zuschauerzahlen” als Begründung genannt worden – welche Zahlen gemeint waren, habe man ihm nicht gesagt. Jetzt liegt eine vor, und sie stützt die Begründung nicht.

Nach einer Auswertung des Datenanalyse-Unternehmens Luminate, über die Deadline berichtet, hielt Wonder Man in den ersten zwölf Wochen 52 Prozent seines Publikums. Gemessen wird damit, wie viele von denen, die Folge eins gestartet haben, auch bis zum Staffelende dabeigeblieben sind. Luminate selbst nennt 50 Prozent als Schwelle, ab der eine Streamingserie als erfolgreich gilt.

52 Prozent – und damit über der Erfolgsschwelle

Wonder Man liegt damit nicht knapp unter, sondern über dem Richtwert. Der Bericht führt die Serie ausdrücklich als Sonderfall: Sie sei zunächst für eine zweite Staffel verlängert und wenige Monate später doch abgesetzt worden, obwohl die Bindungszahl über der Schwelle lag. Zwei weitere Serien landen in derselben Kategorie – Prime Videos „On Call” und Netflix’ „The Waterfront”, letztere mit dem höchsten Wert der drei: 62 Prozent blieben in den ersten zwölf Wochen dabei.

Was die Zahl nicht beantwortet, ist die Frage nach der Größe des Publikums. Eine Bindungsrate sagt, welcher Anteil einer Zuschauerschaft durchhält – nicht, wie groß diese Zuschauerschaft war. Eine kleine Gruppe, die vollständig dranbleibt, ergibt eine hohe Quote und trotzdem eine dünne Bilanz. Genau diese Lücke bleibt bei Wonder Man offen, weil Disney zu der Serie nie eigene Abrufzahlen veröffentlicht hat.

Der Befund passt aber in ein größeres Bild, das dieselbe Auswertung zeichnet: Klassisches Fernsehen verlängert inzwischen zuverlässiger als Streaming. 2025 setzten die US-Sender 65 Prozent ihrer Serien fort, die großen Streamingdienste nur 44 Prozent. Luminate führt das auf engere Budgets, weniger Sendeplätze und einfachere Messwerte zurück – und darauf, dass die Rückkehr der klassischen Fernsehsaison Entscheidungen erzwingt, während bei Streamern Serien auf unbestimmte Zeit in der Schwebe hängen können.

Verlängerung kassiert – das Autorenzimmer öffnete nie

Nach Informationen von Variety wurde für die zweite Staffel nie ein Writers Room eröffnet. Die Autorinnen und Autoren seien aus ihren Verpflichtungen entlassen worden, um andere Projekte anzunehmen. Die Verlängerung hatte Disney im März 2026 verkündet, rund zwei Monate nach dem Serienstart – damals mit der Ansage, dass Yahya Abdul-Mateen II als Simon Williams und Ben Kingsley als Trevor Slattery zurückkehren.

Eine offizielle Begründung für die Kehrtwende gibt es bis heute nicht. Klar ist nur: Die Serie ist beendet, die Figuren sind es nicht. Simon Williams und Trevor Slattery bleiben Teil des MCU und können jederzeit in anderen Marvel-Produktionen auftauchen – Slattery ist ohnehin seit „Iron Man 3” ein wiederkehrender Gast im Franchise.

Starke Kritiken, Emmy-Nominierung – und trotzdem das Aus

Die Entscheidung überrascht auch deshalb, weil Wonder Man zu den am besten besprochenen Marvel-Serien der vergangenen Jahre gehört. Die erste Staffel hält 91 Prozent Kritikerzustimmung auf Rotten Tomatoes. Veröffentlicht wurde sie am 27. Januar 2026 auf einen Schlag: Alle acht Episoden landeten gleichzeitig auf Disney+, statt wie sonst üblich im Wochenrhythmus.

Die Nielsen-Zahlen erzählen eine gemischtere Geschichte. In der Startwoche kam die Staffel auf 618 Millionen gestreamte Minuten und damit auf Platz acht der Streaming-Originals für die Woche vom 26. Januar bis 1. Februar. Danach verschwand der Titel aus den Top 10. Auffällig war das Publikumsprofil: 41 Prozent der Sehdauer entfielen auf die 35- bis 49-Jährigen – mehr als bei jedem anderen Titel der damaligen Top 10. Offizielle Abrufzahlen hat Disney nie veröffentlicht.

Hinzu kommt eine Auszeichnung, die für Live-Action-Marvel eine echte Rarität ist: Abdul-Mateen erhielt eine Emmy-Nominierung als bester Hauptdarsteller in einer Comedyserie. Nach seinem Emmy-Gewinn für die HBO-Serie „Watchmen - Die Wächter” ist er damit der einzige Live-Action-Darsteller, der sowohl für ein Marvel- als auch für ein DC-Projekt eine Emmy-Nominierung vorweisen kann.

Abdul-Mateen reagiert gelassen

Der Hauptdarsteller meldete sich noch am selben Abend auf Instagram zu Wort und nahm die Nachricht bemerkenswert sportlich. Statt Ärger über die Kehrtwende dominiert bei ihm der Dank an das Publikum – verbunden mit einem Seitenhieb auf die anstehende Emmy-Verleihung.

Es hat sich gerade herumgesprochen, dass Wonder Man nicht für eine zweite Staffel zurückkommt. So ist das Leben, oder? Am Ende renkt sich alles ein. Ich wollte allen danken, die die Serie geschaut, genossen und weitererzählt haben. Die Show hat funktioniert. Und das ist mein Lieblingsgedanke daran. Ich bin froh, dass wir Teil von etwas Coolem sein durften. Danke fürs Zuschauen. Und ähh: Wir sehen uns bei den Emmys.

Showrunner Andrew Guest hatte bereits früher eingeräumt, dass das Projekt schon einmal auf der Kippe stand: Die ersten beiden Episoden fielen bei Testvorführungen durch. Entwickelt wurde die Serie von Guest gemeinsam mit Destin Daniel Cretton, der auch die ersten beiden Folgen inszenierte. Zum Ensemble gehörten neben Abdul-Mateen und Kingsley unter anderem X Mayo, Demetrius Grosse, Zlatko Burić, Arian Moayed und Olivia Thirlby.

Die Begründung, die Abdul-Mateen gehört hat

Gut drei Wochen nach dem Aus hatte der Hauptdarsteller erstmals gesagt, welche Begründung ihm genannt wurde. In einem Gespräch mit Vanity Fair für den Podcast „Little Gold Men” bestätigte Abdul-Mateen, dass er sehr wohl einen konkreten Grund erfahren habe: Es sei um die Abrufzahlen gegangen. Welche Zahlen gemeint waren, habe man ihm allerdings nicht genannt.

Ja, den habe ich bekommen. Mir wurde gesagt, es habe etwas mit den Zuschauerzahlen zu tun. Welche Zahlen das waren, hat man mir nicht gesagt – aber aus welchem Grund auch immer: Am Ende kamen sie zu dem Schluss, dass es geschäftlich keinen Sinn ergibt. Damit leben wir und marschieren weiter.

Damit stand zum ersten Mal eine inhaltliche Begründung im Raum – allerdings aus zweiter Hand, und ohne die Zahlen, auf die sie sich stützt. Mit der Luminate-Auswertung liegt jetzt erstmals ein zweiter messbarer Anhaltspunkt neben den Nielsen-Werten der Startwoche vor, und er weist in die andere Richtung. Abdul-Mateen selbst mochte sich mit der Auskunft von damals nicht zufriedengeben: Die Serie verdiene eine ernsthafte Aufarbeitung und belastbare Informationen darüber, warum sie nicht weiterlief. Sie habe alle Zutaten gehabt, die man sich von einer Serie wünsche – Stoff, Mittel, Ensemble und ein Publikum, das positiv reagiert habe.

Deutlicher wurde er bei der Frage, ob Marvel bestimmte Geschichten systematisch fallen lässt – eine Debatte, die seit Mahershala Alis öffentlichem Unmut über das eingestellte Blade-Projekt läuft und die Serienschöpfer Andrew Guest in seinem Video zur Absetzung selbst angesprochen hatte. Die Optik sei eindeutig, sagte Abdul-Mateen: Wäre er ein Konzern wie Disney oder Marvel, wolle er mit dieser Optik nicht in Verbindung gebracht werden. Es müsse Priorität haben, dieses Bild zu ändern – mit guten Stoffen und ordentlichen Mitteln, nicht mit Ankündigungen.

Persönlich traf ihn die Absetzung mitten in einem starken Jahr. Nur wenige Wochen zuvor war er für die Rolle des Simon Williams für den Emmy nominiert worden, ohne damit gerechnet zu haben – die Nachricht erreichte ihn per SMS am Set. Als Nächstes ist er an der Seite von Brad Pitt in David Finchers „The Adventures of Cliff Booth” zu sehen.

Was das für Marvels Disney+-Pläne bedeutet

Wonder Man lief unter dem Label Marvel Spotlight, das bewusst kleinere, charaktergetriebene Geschichten ohne Multiversums-Ballast erzählt – nach „Echo” war es das zweite Projekt dieser Reihe. Dass ausgerechnet der kritisch erfolgreichste Vertreter dieses Konzepts gestrichen wird, wirft Fragen auf, wie viel Raum solche Nischenformate bei Disney+ künftig noch bekommen.

Wenigstens eine Figur der Serie ist unterdessen nachweislich nicht erledigt: Arian Moayed, der den Agenten P. Cleary von der Behörde für Schadensregulierung spielt, hat seine Rückkehr ins MCU selbst angekündigt. In einem Instagram-Beitrag zur Absetzung schrieb er, Agent Cleary komme zurück – wo, ließ er offen. Cleary tauchte zuvor in „Spider-Man: No Way Home” und in „Ms. Marvel” auf.

Marvel hatte seine Serienproduktion zuletzt ohnehin deutlich zurückgefahren. Fortsetzungen sind die Ausnahme, gestoppte Projekte die Regel – der zuletzt vom Streaming ins Kino verschobene Nova-Stoff ist dafür ein gutes Beispiel. Für das Serienjahr 2027 bleibt damit vor allem „Daredevil: Born Again” als verlässlicher Live-Action-Anker übrig. Ob Simon Williams stattdessen irgendwann in einem Kinofilm auftaucht, ist offen: Spekuliert wird seit Längerem über die West Coast Avengers, weil gleich mehrere MCU-Figuren in Kalifornien angesiedelt sind.

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